40 x 50 Zentimeter, Öl auf Nessel, 2001

Kollektives Gedächtnis und Spurensicherung

Inhaltlicher Schwerpunkt ist das kollektive Gedächtnis
Gaby Kutz legt den inhaltlichen Schwerpunkt ihrer gegenständlichen Malerei auf die Gedächtnis- und Erinnerungsarbeit und stellt Bezüge und Verweise zu gegenwärtigen Ereignissen her. Dabei spielt das Motiv des Posierens vor der Kamera eine große Rolle. Sei es der Politiker beim Wahlkampf, die rebellische und revolutionäre Pose, der Künstler oder – privater Natur – die Familienszene bei der Taufe, das Mädchen bei der Einschulung: Menschen werden in ihrer jeweiligen Situation, eingebunden in das jeweilige Ambiente und das – private oder öffentliche – Umfeld dargestellt.Grundlage für die Motive sind zum Einen Presse- und Polizeifotografien aus den 1960er Jahren bis zur Gegenwart, und zum Anderen Aufnahmen aus Familienalben von 1930 bis heute.

Politikerposen
Politikerpersönlichkeiten wie Rudi Dutschke, Willy Brand oder Konrad Adenauer werden in Einzelpose dargestellt, Willy Brand mit Zeitzeugen in charakteristischer Haltung, oder – auf dem Aquarell „Fotografie“ – als Fotografierter gemeinsam mit dem Fotografierenden. Auch Rudi Dutschke wird in unterschiedlichen Posen und zu unterschiedlichen Zeiten dargestellt – bei Aufständen und Demonstrationen, als Redner, als Privatperson und auch der Ort des Attentat auf Dutschke im April 1968 wird abgebildet. Damals schoss der junge Hilfsarbeiter Josef Bachmann vor dem SDS-Büro am West-Berliner Kurfürstendamm dreimal auf Dutschke und verletzte ihn lebensgefährlich. 1979 starb Rudi Dutschke an den Spätfolgen des Attentates.

Demonstrationen und  Menschenansammlungen
Menschenmasse, Rebellion, Revolution, Demonstrationen: Die Darstellung von Menschenmengen durchzieht die Arbeit von Gabriele Kutz seit Beginn ihres Schaffens – sei es in  den Aufmärschen der Studentenbewegung, den Darstellungen der Demonstration am 2. Juni 1967 anlässlich des Schahbesuches in Berlin, wo der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen wird oder im Bonner Hofgarten als etwa 300.000 Menschen der Friedensbewegung am 10. Oktober 1981  gegen den NATO-Doppelbeschluss protestierte oder die Mengenaufläufe bei (amerikanischen) Wahlkämpfen oder gar die Ekstase bei großen Konzerten bei den früheren Arbeiten.

Künstlerdarstellungen
Neben den Politikerpersönlichkeiten kommen auch bekannte und unbekannte zeitgenössische und verstorbene Künstlerkollegen zur Geltung: sie werden in typischer Haltung bei der Arbeit, im Atelier oder auch bei Kunstaktionen abgebildet: So wird der Künstler Joseph Beuys in Einzelpose, in Serie und auch als Porträt dargestellt. Sein Porträt steht für die geistige, gewaltfreie Revolution – der Künstler gab vor in Persona die Matrize des befreiten, in revolutionärer Bewegung begriffenen demokratischen Volkes zu sein.

Kunst als Anwalt für mehr Demokratie
Das Aquarell „Direkte Demokratie“ verweist auf „Die Organisation für Direkte Demokratie“, gegründet durch Volksabstimmung. Es wollte die legale Verwirklichung des Grundgesetzes Artikel 20,2: „Alle Staatsgewalt gehe vom Volke aus. Die Organisation sah sich als Anwalt der „ewig Benachteiligten“. Sie wollte das Konzept des Erweiterten Kunstbegriff und der Sozialen Plastik in der Politik umzusetzen um dadurch gesellschaftliche Entwicklungen zu beeinflussen. Das Aquarell „Ausfegen“ verweist auf die Kunst-Aktion von J. Beuys am 1. Mai 1972 auf dem Hermannplatz in Berlin-Neukölln. Demonstranten zogen mit roten Fahnen, Spruchbändern, Plakaten, Transparenten durch die Stadt. Mit Parolen und Rufen beschworen sie den Sieg des Proletariats. Beuys, als passiver Teilnehmer, stand mit einem roten Straßenbesen am Rand und begann nach dem politischen Umzug die Straße zu fegen und vom hinterlassenen Dreck zu säubern.

Terror und Gewalt
Neben den bewegten Bildern  aus den 1960er und 1970er Jahren, den idealisierten Posen aus den 1930er Jahren (Serie Klaus), den teils statisch Posierenden späterer Jahrzehnte, den Politikerpersönlichkeiten stehen auch Bilder von Gewalt und Terror (der 1960er und 1970er Jahre auf.) Bomben, zerstörte Autos und Sprengstoffanschläge sind im Bild festgehalten: Angriffe auf Einrichtungen des Springer-Konzerns und dem legendären Kaufhausbrandprozess von 1968, in dem der spätere SPD-Innenminister Otto Schily Gudrun Ensslin als wortgewandter Strafverteidiger zur Seite stand.

Frage nach dem eigenen Standpunkt
Brigitte Mohnhaupt als Studentin – jung, aufsässig, selbstbewusst, hoffnungsfroh, hübsch. Ulrike Meinhof als Abiturientin – traurig, angespannt, in fast männlicher Körperhaltung, ein Mädchen, das schon früh seine Eltern verloren hat und mit knapp Neunzehn vollständig resigniert wirkt – individuelle Schicksale und Geschichten eines Jahrzehnts stehen sich gegenüber. Im Gegensatz zu Bildern mit privaten Posen sind die Abgebildeten der politisch bewegten Bilder wieder erkennbar: Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, Jean Paul Sartre (besuchte Andreas Baader in Stammheim), der junge Otto Schily und viele andere mehr. Historische Figuren, Menschen, deren Namen sich positiv oder negativ in unser Gedächtnis eingeschrieben haben. Die Angst öffentlicher und privater Personen vor dem Terror wird dargestellt: sie manifestiert sich im Polizisten, der mit Hund patroulliert oder dem Panzerwagen der das Bonner Regierungsviertel in den 1970er Jahren abfährt.

Private Posen – seriell dargestellt
Neben den politisch, historischen Darstellungen stellt uns Gaby Kutz auch private Posen vor. Die  Motive sind Familienalben entlehnt und verweisen – in Zeitsprüngen – von den 1930er Jahren bis in die Gegenwart. Dieses „private Posieren“ fasst Kutz als Einzelmotiv und auch seriell auf:  Die Serie „Klaus“ basiert auf Fotografien der 1930er-Jahre. Ein Junge wird liebevoll vom Vater in ländlicher Umgebung fotografiert: staunend nimmt der Knabe seinen Lebensraum wahr.  So wird das Mähen von einem Strohbusch aus beobachtet, ein riesiger Pferdekopf beugt sich zu dem Kind herunter, das in seinem Gesicht und der Körperhaltung Furcht und Freude vereint, oder es sitzt versunken auf einem Holzstamm im Wald, umflutet von Gegenlicht. Diese Bilder aus den 1930er und 1940er Jahren verweisen bereits  zur nächsten Serie „Knechtsteden und Gill“ – ein Zeitsprung in die 1960er-Jahre.

„Knechtsteden und Gill“
„Knechtsteden und Gill“ bildet eine junge Familie in den 1960er-Jahren ab: Vater, Mutter, Großmutter, zwei kleine Mädchen – die in der „Schwestern-Serie“ ihre Fortsetzung finden. Immer sind sie nebeneinander dargestellt: in hübschen Sommer- oder Winterkleidchen, im Karnevalskostümen, am ersten Schultag. Eine zentrale Aussage ist in dem Bild „Knechtsteden III“ enthalten: die hübsche, junge Mutter schiebt stolz den Kinderwagen, der Cousin daneben, die Großmutter in gebeugter Haltung. Der Vaters nicht zu sehen – denn er fotografiert.

„Jäger und Gejagte“
So zeigt die Serie „Jäger“  immer wieder Jäger und Gejagte. Männer vor ihrem Wild stehend oder kniend, stolz gemeinsam mit der Beute fotografiert zu werden. Reh und Hirsch idyllisch äsend, der mit Laub getarnte Hochsitz, das Reh, das am Baum ausblutet. Gewehr, Werkzeug, Wagen, Hund oder einfach nur ein stille Lichtung, in dem Gefahr lauert.

Bilder fordern zum Handeln auf
Die teils nüchternen Bilder haben aber auch Aufforderungs-Charakter. Sei es die Metapher der Bewegung, die von Bild zu Bild übergreift oder Hut, Mantel, Weste und Wandertasche als Utensilien des herumziehenden Menschen (in der Darstellung „Historischer Demonstrationszug“), dessen Bewegung als die des Wanderers zu verstehen ist, der seine Entwicklung nicht beenden will. Sei es der Ruf nach Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit, nach demokratischer Selbstverwaltung, der Künstler der aus dem Haus heraus in die Öffentlichkeit tritt oder das Motiv des machtvollen Heranströmens einer Volksmasse oder die Demonstranten die auf den Betrachter zukommen: Oder auch die statisch Posierenden, deren Bewegung die des Älterwerdens in den fortschreibenden Bildern ist: Die dargestellten Protagonisten gehen unbeirrt ihren Weg, durchwandern Räume und Zeiten.

 

Archivieren und teilen
Die Bilder von Gabriele Kutz haben Archivierungs-Charakter. Wie die stereotypen Darstellung der 2er, 3er und Reihengruppen aus dem letzten Jahrhundert mit ihren Vorgaben aus privaten Familienalben, finden auch die großen Themen Freiheit, Demokratie, Revolution und der ihnen inne wohnenden Emphase in den teils sachlich aufgefassten Bilder von Kutz einen Widerhall, ein Echo, einen Funken, der auf den Betrachter überspringt, seine Erinnerung  an private und oder politische Geschehnisse aktiviert und an das kollektive Gedächtnis appelliert – denn viele Menschen teilen die meisten der Erinnerungen und Erfahrungen, die Gaby Kutz in ihrer visuellen Spurensuche aufgreift.

Bezüge herstellen, Fragen aufwerfen
Verfremdung und Allgemeingültigkeit entsteht durch das Weglassen und die bewusste Unschärfe bestimmter Passagen, wie die schemenhafte Darstellung der  Gesichter bei Motiven der „Privaten Pose“. Durch die Reduktion auf Sepia, Grau- und Schwarzweiß-Töne erhalten insbesondere die politisch motivierten Bilder einen dokumentarischen Charakter. Mit der Art und Weise der Darstellung und dem Dokumentations-Charakter ihrer Bildern gibt Kutz einen Rahmen vor, einen Auszug aus privater und politischer Geschichte, in Teilen auch die künstlerischen Chronik einer Revolution. Egal, welchen Standpunkt man einnahm und auch unabhängig vom Alter – die Bilder schüren die Erinnerung, es werden Bezüge hergestellt und Fragen aufgeworfen.

Wir sind Konsumenten von Fotografien
Die Bilder von Gabriele Kutz zeigen uns aber auch als Konsumenten von Fotografien, denen wir gewollt oder ungewollt ausgesetzt sind, mit denen wir uns eindecken und die in unserem Bewusstsein bleiben. Die malerischen Mittel wie kalkulierte Unschärfe, veränderte Farbigkeit und bewusste Vereinfachung und Vergröberung verleihen den Motiven eine neue, über das Persönliche hinausgehende Bedeutung. So wird die persönliche Spurensuche zur kollektiven. Man könnte Gabriele Kutz auch als Chronistin bezeichnen, die in Bildern Stücke der Zeitgeschichte – privat und politisch – beschreibt.

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