Angela Merkel

Die Facetten einer Persönlichkeit – trotzig, verloren, erotisch und kraftvoll – Angela Merkel
Von Dr. Susanne Graf
In der Werkgruppe „Angela Merkel“ lotet Gaby Kutz verschiedene Facetten der Kanzlerinnen-Persönlichkeit aus und lässt den Betrachter seine Erinnerungen und Sehgewohnheiten neu ordnen.
Dabei erscheint „Kohls Mädchen“, Anfang der 1990er Jahr im Kabinett neben Bundeskanzler Helmut Kohl sitzend, keineswegs so blass und zurückhaltend, wie sie uns in Erinnerung zu sein scheint. Vielmehr widersetzt sich hier eine junge Frau dem fast schon jovial – herablassenden Blick des „Vaters“: Ihr auf dem ursprünglichen Pressefoto zu sehender, neugierig – brave Blick ist verschwunden. Fast trotzig schaut sie am „großen“ Kanzler vorbei ins Leere und wir können als Betrachter*innen ahnen, dass da in diesem Kopf bereits ein ganz eigener Wille entsteht, mit dem Merkel bald die Öffentlichkeit überraschen wird.

 

 

Ihr Besuch bei den deutschen Truppen in Afghanistan im Jahr 2007 – Mazar-i-Sharif – ist eine der hier gezeigten politischen Aktionen Merkels als Kanzlerin. Beide Gemälde zeigen Merkel mit präzisen Gesichtszügen, die aus der Masse von Soldaten – unscharfe Figuren mit verwischten Konturen – hervorsticht.
In dem als „Triptychon“ angelegten Portrait werden durch diese Komposition Einsamkeit und Verlorenheit der Kanzlerin besonders hervorgehoben. Indem Kutz genau dieses Bild – Merkel zwischen den sie überragenden uniformierten Soldatenschultern – auswählt und verdreifacht, offenbart sich dem Betrachter auch die Fragwürdigkeit der damaligen Bundeswehraktion. Merkel scheint zu überlegen, ob sie dort überhaupt am rechten Ort ist. Sie, die Verlorene, wird gehalten allein durch das farbig akzentuierte und zugleich fragil wirkende deutsche Flaggenabzeichen.
Eine ganz andere Facette ihrer Kanzlerinnen-Persönlichkeit offenbart sich in der Begegnung mit Julia Timoschenko (2008). Kutz präsentiert hier ein Feuerwerk der Emotionen, das den Betrachter auf den ersten Blick mit seiner Farbigkeit und Lebendigkeit in den Bann zieht und zugleich verstört: Angela Merkel, erblondet und kraftvoll strahlend, steht mit leuchtend roten Lippen einer zarten elfengleichen Julia Timoschenko gegenüber, die ihre Augen fast hingebungsvoll schließt – als erwarte sie einen Kuss. Ist da Liebe im Spiel? Freundschaft? Verbundenheit? Die Begegnung der beiden Politikerinnen erscheint bei Kutz vielschichtig: Neben aller formalen und allgegenwärtigen Öffentlichkeit werden die Beziehungsebene und das Private sichtbar. Damit geht jedoch keineswegs Entpolitisierung einher; vielmehr erhält der politische Akt eine Tiefenstruktur, die ihm per se eingeschrieben ist: Pulsierendes Leben trifft auf formalisiertes Protokoll, die erotische Kraft und Tiefenwirkung eines politischen Aktes wird deutlich.
Man kann in diesem Bild auch ein eigenwilliges Gegenstück zu dem auf dem Mauerrest der Eastside-Gallery in Berlin sichtbaren bekannten „Bruderkuss“ (zwischen Breschnew und Honecker aus dem Jahr 1979) erkennen, das aus der verlogenen „Bruderschaft“ eine umso wirkungsvollere Schwesternschaft macht.
Weitere Bilder mit der Kanzlerin stammen aus der jüngsten Vergangenheit, die durch ihre Begegnung mit Donald Trump geprägt ist. Man könnte sie fast mit „Kampf gegen Trump“ überschreiben. In der Reihung „Merkel-Trump“ bedient sich die Künstlerin wiederum der Technik der Verfremdung: Trump ist verwischt und Merkel deutlich hervorgehoben, mit erschrocken-ratloser Mimik.
Besonders interessant ist das Merkel-Portrait mit ausgestrecktem Arm und Finger, in dem sie sich oder uns oder ihrem Gesprächspartner den Weg weist: Eine geradezu wütende Entschiedenheit zeigt sich hier, und doch hält gleichzeitig eine im Inneren verschlossene stille Vorahnung, gepaart mit einer gewissen Ratlosigkeit, die Stimmung insgesamt in der Schwebe.
Das hier neueste Merkel-Bild widmet sich wieder einem politischen Großereignis, dem G7-Gipfel in Kanada (2018). Das Pressefoto (von Jezco Denzel) ging um die Welt, die Mutmaßungen über die Rolle und Persönlichkeit der Kanzlerin in dieser Situation überschlugen sich. Und was macht die Künstlerin Kutz daraus? Sie akzentuiert Merkels kämpferische unbeirrbare Haltung (Betonung durch Aufhellung, lässt nicht erkennbare Köpfe weg,) und stellt Trudeau, der auf dem Originalfoto fehlt bei der Szene jedoch anwesend war, hinter Trump. Trudeau trägt bei Kutz eine rote Krawatte, die er an jenem Tag nicht trug. Damit verändert sich auf dem Weg von der fotographischen Vorlage zur künstlerischen Deutung die Aussage: Trump bildet nicht mehr den Gegenpol zu der Gruppe der Stehenden – vielmehr sitzt er als nun einziger inmitten zahlreicher ihn vollständig umgebenden Weltpolitikern. Dadurch wirkt er mit seinem jungenhaft-trotzigen Gebaren noch kleiner als auf dem Originalfoto.

von Dr. Susanne Graf